Interviewreihe „Träum weiter – Mut zur Utopie“Im Gespräch mit Camila Reyes
Wir lernten Camila Reyes im Juni bei einem faszinierenden Workshop zu gewaltfreierKommunikation und Friedensarbeit in Innsbruck kennen. araufhin beschlossen wir, sie für das Südwind Aktuell vors Mikrofon zu bitten. Das Gespräch führte Judith Welz.
In einer Zeit, in der viele behaupten, dass Militarisierung eine Voraussetzung für Frieden ist, setzen Sie sich für Gewaltlosigkeit ein. Wie kann die Gewaltfreie Kommunikation die Welt retten?
Ich bin in Kolumbien aufgewachsen und 43 Jahre alt. Ich habe beobachtet, dass Strategien wie Krieg eine Logik der Dominanz reproduzieren und damit auf die Befriedigung der Bedürfnisse einiger Gruppen auf Kosten anderer setzt. Die Dichotomie eines „du ODER ich“ produziert allerdings eine unendliche Geschichte von Trennung und Traumata. Während also die Logik der Dominanz uns von uns selbst und anderen entfremdet, stellt Gewaltfreiheit die wechselseitigen Abhängigkeiten ins Zentrum, nicht nur zwischen uns Menschen, sondern zwischen allen Lebewesen. Wir brauchen einander und sind stärker gemeinsam.
Können Sie uns etwas über die gewaltfreie Kommunikation im Allgemeinen und Ihre Arbeit in Kolumbien erzählen?
Die gewaltfreie Kommunikation (GFK) wurde von Marshall Rosenberg entwickelt und regt an, mit uns selbst und anderen Domiin Verbindung zu treten, um unsere individuelle und kollektive Kraft zurückzugewinnen. Eine der Grundannahmen ist, dass alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben. Das bedeutet, dass niemand weniger oder mehr Mensch ist als der andere, auch wenn nicht jede Person den gleichen Zugang zu Ressourcen hat, um Bedürfnisse zu befriedigen.
Was ich in Kolumbien mache, ist, mit Hilfe der GFK die Möglichkeiten zur Verbindung zwischen Menschen zu erweitern und sie dabei zu unterstützen, ihre Aufmerksamkeit auf ihre Bedürfnisse zu richten und nicht darauf, wer Recht hat. 2017 habe ich die NGO Resuena gegründet.
Frieden ist schwer zu erreichen, wennwir uns weiterhin nur auf die klassischen Peacekeeping-Modelle verlassen, die auf Verhandlungstischen beruhen, an denen nanz, die sie nach Jahrhunderten der Kolonialisierung verinnerlicht haben und sie von sich selbst und andren entfremdet hielt.
Es ist schön zu sehen wie sie beginnen, ihre Macht zu nutzen, um den Status quo zu durchbrechen, sich zu organisieren, Machtungleichgewichte zu hinterfragen und das, was sie verbindet, in den Mittelpunkt zu stellen.
Gewaltfreiheit ist auch eine Frage der persönlichen Einstellung und Praxis. Wie können wir beginnen, Gewaltfreiheit in unserem Alltag zu praktizieren?
Indem wir Urteile, Forderungen und Beschwerden in Bedürfnisse umwandeln.Anstatt beispielsweise zu sagen, jemand anderes sei egoistisch, können wir innehalten und die eigenen Bedürfnisse reflektieren und dann sagen: „Ich bin traurig, weil ich ein Bedürfnis nach Gemeinschaft und Verbindung habe.“ Das bedeutet, Verantwortung für die eigenen Erfahrungen zu übernehmen und gleichzeitig die Auswirkungen der Handlungen anderer auf sich nzuerkennen und zu kommunizieren.
Fakten zum Konflikt in Kolumbien:
mehr als 50 Jahre
220.000 Tote, 25.000 Vermisste
Konfliktparteien: rechte Paramilitärs,
Drogenkartelle, linke Guerrillas, staatliches Militär
24. November 2016: Friedensvertrag
2024 jedoch noch acht interne bewaffnete Konflikte registriert

